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Was ist passiert?
GameStop hat am 3. Mai 2026 ein Übernahmeangebot für eBay vorgelegt. 125 US-Dollar pro Aktie, rund 55,5 Milliarden US-Dollar Gesamtwert. Halb bar, halb in GameStop-Aktien. Das Angebot ist unaufgefordert. eBay wusste vorher von nichts.
Die Zahlen hinter dem Größenwahn
Die Dimensionen dieses Deals sind absurd. eBay bringt rund 46 Milliarden US-Dollar Marktkapitalisierung auf die Waage. GameStop liegt bei 12 Milliarden. eBay macht 11,1 Milliarden Umsatz pro Jahr, GameStop 3,8 Milliarden. eBays Nettogewinn: rund zwei Milliarden. GameStops: 418 Millionen.
Ein Unternehmen, das ein Viertel so groß ist wie sein Ziel, will den Vierfachen schlucken. Der Codename des Deals: „Project Sling“. David gegen Goliath. GameStop-CEO Ryan Cohen meint das ernst.
So soll das finanziert werden
Laut GameStops SEC-Filing hat das Unternehmen 9,4 Milliarden an Cash und liquiden Investments. TD Securities hat einen sogenannten „Highly-Confident Letter“ über 20 Milliarden ausgestellt – ein Signal, keine bindende Zusage. Zusammen sind das 29 Milliarden. Das Angebot beläuft sich auf 55,5 Milliarden.
Die Lücke: mindestens 26 Milliarden US-Dollar. Die kann nur über massive Aktienemissionen oder externe Investoren geschlossen werden. DAS INVESTMENT rechnet die Lücke detailliert vor. Cohens eigene Aussage im Fox-Business-Interview: „dilution that is accretive to earnings per share“ – Verwässerung, die sich rechnet. Theoretisch möglich. Praktisch ein schmaler Grat.
Cohens CNBC-Desaster
Am 4. Mai trat Cohen bei CNBC auf. Es wurde ein Fiasko. Auf die zentrale Frage, wie die Finanzierungslücke geschlossen wird, antwortete er ausweichend. Auf Nachfrage sagte er wörtlich: „I don’t understand your question.“ Während des Interviews fiel die GameStop-Aktie um zehn Prozent. Die eBay-Aktie gab ihre Tagesgewinne wieder ab.
Erst am Folgetag bei Fox Business fand Cohen seine Stimme wieder. Dort sprach er offen über seine Pläne: eBays 11.500 Mitarbeitende seien zu viele, er wolle zwei Milliarden an Kosten einsparen. 1,2 Milliarden davon allein aus Marketing. Sein O-Ton: „I could run this business from my house.“
Michael Burry: Vom Befürworter zum Aussteiger
Die pikanteste Wendung liefert „The Big Short“-Investor Michael Burry. Ende Januar 2026 hatte er öffentlich GameStop-Aktien gekauft und Cohen als „Instant Berkshire“-Kandidaten positioniert. Seine These: Cohen solle wie Warren Buffett geduldig ein Portfolio starker Unternehmen aufbauen.
Mit dem eBay-Angebot brach Burry am 4. Mai abrupt mit dieser These. Er verkaufte seine gesamte GameStop-Position. Sein Substack-Kommentar: „Never confuse debt for creativity.“ Seine Rechnung: Der Deal würde GameStop auf einen Verschuldungsgrad von 5,2x bis 7,7x Net Debt/EBITDA bringen. Das sei „bordering on distressed“.
Genau der Investor, der die intellektuelle Grundlage für Cohens Expansionsstrategie geliefert hatte, hat sie öffentlich zurückgezogen. Das Signal wiegt schwer.
eBays Reaktion: Kühl und distanziert
eBay bestätigte den Eingang des Angebots am 4. Mai. Nicht mehr. Das Statement betont ausdrücklich zwei Punkte: die Bewertbarkeit des GameStop-Aktienanteils und die Fähigkeit GameStops, ein verbindliches Angebot vorzulegen. Beides zielt genau auf die Schwachstellen.
Das Board tagt laut Semafor diese Woche. CEO Jamie Iannone und Chairman Paul Pressler haben sich öffentlich nicht geäußert.
Der Markt ist skeptisch
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache:
- eBay-Aktie: notiert bei rund 106 US-Dollar, deutlich unter dem 125-Dollar-Angebot. Klassisches Marktsignal für niedrige Abschlusswahrscheinlichkeit.
- GameStop-Aktie: minus zehn Prozent am Tag der Bekanntgabe.
- Polymarket: 84 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass der Deal scheitert. 16 Prozent für ein Closing.
- Analysten-Konsens: Truist, Bernstein, Stifel, Wedbush, BMO und Baird – alle skeptisch bis ablehnend.
Truist bringt es auf den Punkt: eBays Umsatz sei dreimal, der Nettogewinn fünfzehnmal so groß wie GameStops. Die versprochenen Synergien seien „nicht bedeutsam genug“.
Meine Einschätzung
Der Deal ergibt strategisch Sinn – in einer Parallelwelt
Rein auf die Möglichkeiten geschaut, die ein kombiniertes Unternehmen bei strategisch geschickter Ausführung bieten würde: Der Deal hätte Potenzial. Das Filialnetz und die Retail-Kompetenz von GameStop erstrecken sich über einige der attraktivsten Produktkategorien bei eBay – Sammelkarten, Sneaker, Collectibles. In Zeiten von Live Commerce wäre genau das die richtige Kombination: digitaler Marktplatz plus physische Authentifizierung und Fulfillment-Infrastruktur.
Amazon-Konkurrent ist eBay heute schon – wenn auch abgeschlagen im Feld. Eine Strategie, die eBay aus der Defensivhaltung holt und auf Resale, Collectibles und Live Commerce fokussiert, könnte dem Unternehmen tatsächlich einen klareren Platz im Markt verschaffen.
Kann Cohen das?
Ich traue es ihm zu. Die Sanierung von GameStop war solide Management-Arbeit: vom 381-Millionen-Verlust 2021 zu 418 Millionen Nettogewinn. SG&A um 47 Prozent gesenkt, Altschulden getilgt. Und Cohen hat schonmal einen Milliarden-E-Commerce-Player aufgebaut und verkauft – Chewy ging für 3,35 Milliarden an PetSmart. Das ist kein Amateur.
Aber die Realität sieht anders aus
So realistisch die strategische Vision sein mag – die Umsetzung ist es nicht. Nicht in dieser Konstellation. Das Ganze wirkt, als würde Davids Hund versuchen, Goliath zu fressen.
Analysten und Wirtschaftspresse schütteln einhellig den Kopf. Michael Burry, der Cohen noch im Januar öffentlich vorschlug, aus GameStop eine Art Berkshire Hathaway zu machen, verkaufte gestern seine kompletten Positionen. Die Finanzierung des Deals würde GameStop zu hoch verschulden – Burrys Rechnung mit 5,2x bis 7,7x Debt/EBITDA ist vernichtend.
Realistischer wäre das Ganze andersherum. eBay kauft GameStop. Nicht umgekehrt.
Die offene Frage: Was macht die Meme-Stock-Community?
Der Deal wäre stark aktiengetrieben – mindestens 50 Prozent des Kaufpreises bestehen aus GameStop-Aktien. Das macht die Meme-Stock-Community zum Kingmaker. Wenn die Reddit-Armee wie 2021 mobilisiert, könnte der GameStop-Kurs kurzfristig steigen und die Finanzierungslücke optisch verkleinern.
Aber genau das ist das Paradox: Je mehr Meme-Hype den Kurs treibt, desto weniger sind eBay-Aktionäre bereit, GameStop-Aktien als Bezahlung zu akzeptieren. Wer tauscht Substanz gegen Volatilität?
Mein Fazit
Strategisch denkbar. Finanziell utopisch. Kommunikativ ein Desaster. Der Deal wird in dieser Form nicht zustande kommen. Prove me wrong, Meme-Community. Aber Cohen hat eines erreicht: Die Welt redet über GameStop als E-Commerce-Player, nicht als Meme-Stock. Das allein war den Versuch vielleicht wert.




